St. Urban
Kirche, Ottmarsbochholt
Branche: Sakralbau
Jahr: 2024
Leistungen: Beratung, Lichtplanung, Leuchtenbeschaffung, Sonderleuchten (BOND Bespoke Lighting), Installation (G+D Elektrotechnik)
Architekt:
Wenn Licht den Raum zurückgibt: Die Neuinszenierung einer Dorfkirche
Eine Kirche lebt von ihrer eigenen Architektur – dem hallenartigen Raum, den Kreuzgewölben, der sakralen Stille. Doch was geschieht, wenn in der dunklen Jahreszeit genau diese Qualitäten verschwinden? An der Kirche „St. Urban“ in Othmarsbocholt, erbaut 1887 im westfälisch-neugotischen Stil war genau das die Ausgangslage und zugleich der Auftrag: dem historischen Kirchenraum durch Licht seine Würde und Nutzbarkeit zurückzugeben, ohne ihn zu verfälschen.
Die zentrale Herausforderung lag im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und zeitgemäßer Nutzung. Leuchten sollten nicht als Fremdkörper in Erscheinung treten, sondern sich so in die bestehende Architektur einfügen, dass am Ende nur das Licht wahrgenommen wird – nicht der Leuchtkörper. Zugleich musste das bestehende Leitungsnetz weitgehend erhalten bleiben, da eine vollständige elektrotechnische Sanierung budgetär nicht darstellbar war. Die Lösung ist ein vielschichtiges Beleuchtungskonzept, das den gesamten Kirchenraum vom Hauptportal bis zum Chorraum differenziert beleuchtet. Sechs große Glaszylinder-Pendelleuchten im Hauptschiff vereinen jeweils drei Lichtarten: tiefstrahlendes Licht für die Sehaufgabe in den Bänken, diffuses Licht durch den Glaskörper für die Raumatmosphäre und nach oben gerichtete Strahler, die das Kreuzgewölbe in Szene setzen. Im Chorraum und Altarbereich arbeiten präzise positionierte Strahler – anhand exakter Lichtberechnungen auf Ausstrahlwinkel und Helligkeit abgestimmt – hinter Pfeilern verborgen, um Altar, Ambo und Kreuz gezielt zu akzentuieren. Ergänzend inszenieren versteckte Strahler unter dem Orgelboden die Orgel, die Pietà und weitere Elemente, die zuvor im Dunkel verschwanden. Selbst der bislang völlig unbeleuchtete Haupteingang erhielt eine indirekte Aufhellung, die das einstige „schwarze Loch“ in einen einladenden Übergang verwandelt. Die Funksteuerung auf Casambi-Basis ermöglicht dabei eine bemerkenswerte Flexibilität, ohne in die bestehende Elektroinstallation eingreifen zu müssen.
Unterschiedliche Lichtszenen begleiten den liturgischen Ablauf: ein gedämpftes Ankommen vor der Messe, eine helle, funktionale Szene für den Gottesdienst, eine besondere Stimmung für die Ostermesse und gezielte Akzente für Taufen. Einfache Taster erlauben jedem Nutzer den Szenenwechsel – der ambitionierte Pfarrer steuert zusätzlich per Tablet. Das Ergebnis ist eine Kirche, die in der dunklen Jahreszeit nicht mehr an Wirkung verliert, sondern gewinnt. Die Orgelpfeifen werden zur beleuchteten Skulptur, das Kreuzgewölbe entfaltet seine volle Raumwirkung, und die Gemeinde kann wieder lesen, sehen und ankommen. Ein Projekt, das zeigt: Gute Lichtplanung tritt selbst in den Hintergrund und lässt den Raum sprechen.